Serie: Stadt, Land, Fuß (Teil 1)
Deutsche Sanitätshausfachverkäuferinnen arbeiten, je nach Standort, in zwei völlig unterschiedlichen marktwirtschaftlichen Ökosystemen. Was auf einer Karte zunächst aussieht wie die alte Ost-West-Trennung, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als spannende Geschichte zweier Versorgungsrealitäten fernab alter Landesgrenzen. Das ist der Start eine Artikelreihe über das, was Sanitätshäuser und die Menschen, die in ihnen arbeiten, besonders macht.
Wo brennt das Licht?
Es ist 8:50 Uhr. Am zentralen Platz einer Mittelstadt in Thüringen rückt eine Fachverkäuferin gerade die Schaufensterpuppe mit der modernen Bademode zurecht. Draußen warten schon zwei ältere Damen; von der Bushaltestelle dahinter gesellen sich noch weitere dazu. Sie warten nicht nur auf die Einlösung eines Rezepts, sondern auf ein Gespräch.
Zur gleichen Zeit, 400 Kilometer westlich: Am Rande eines Industriegebietes checkt eine Kollegin den Tourenplan für die Logistik. Gleich muss der nächste Schwung raus. Von ihrem Schreibtisch aus blickt sie auf den Showroom aus Rollatoren und Display-Beinen mit Kompressionsstrümpfen. Aber hier wartet niemand vor der Tür. Hier klingelt das Telefon.
Zwei Momentaufnahmen, ein Beruf. Doch dazwischen liegen Welten. Und genau hier lohnt sich der Blick auf unsere Karte links. Fragen wir uns: Wo brennt das Licht?
Unsere Datenanalyse zeigt erstmals schwarz auf weiß (oder besser: gold auf blau), dass wir es in Deutschland nicht mit einem einheitlichen Markt zu tun haben. Werfen Sie einen Blick auf das Lichtermeer. Vielleicht fällt auch Ihnen sofort das goldene Glühen des Erzgebirgskreises an der Grenze zu Tschechien ins Auge. Es steht im krassen Kontrast zum blauen Leuchten der vereinzelten „Sternchen“ rund um Kaiserslautern, Pirmasens und Zweibrücken.
Blau signalisiert hier Effizienz. Hier kommen auf 100.000 Einwohner nur rund 6,2 Sanitätshausfilialen. Gegenüber im goldenen Erzgebirgskreis sind es 11. Und das ist bei Weitem nicht der größte Unterschied zwischen zwei Regionen. Auf Bundesländer gerechnet werden in Mecklenburg-Vorpommern doppelt so viele Sanitätshäuser betrieben wie in Baden-Württemberg.
In diesem Moment haben Sie vermutlich Bilder im Kopf: Vom Ost-West-Konflikt, der Wende und den üblichen sozialen Klischees. Doch auf den folgenden Seiten werden wir diese Bilder herausfordern. Sie werden sehen, dass es im wiedervereinigten Deutschland zwei verschiedene Sanitätshausmärkte gibt, die sich nicht streng nach Himmelsrichtung trennen lassen. Und dass wir aus deren Eigenarten viel voneinander lernen können.
Zu alt? Zu krank? Zu einfach!
Unsere Analyse stellt die gängigen Pauschalurteile auf die Probe. Zoomen wir auf die Landkreise, verschwinden die Himmelsrichtungen. Plötzlich rücken Berlin und Baden-Württemberg eng zusammen, beide geprägt von einer eher geringen Sanitätshaus-Dichte pro Kopf. Und überraschenderweise finden wir mitten im Westen, etwa im Hunsrück, plötzlich goldene Inseln der hohen Versorgung, die strukturell eher dem Erzgebirge ähneln als ihren direkten westdeutschen Nachbarn.