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Vertrauen ja, Aufklärung nein: Kundensicht auf Fachberatung im Rehacare Report 2026

Zwei Drittel der befragten Hilfsmittelnutzer haben schon aus eigener Tasche draufgezahlt. Nicht einmal die Hälfte sagt, dass ihr Mehrkosten nachvollziehbar erklärt werden. Diese Zahlen stehen in der Langfassung des Rehacare Reports 2026, der am 23. September in Düsseldorf vorgestellt wurde. Die Ergebnisse des Reports enthalten kritische Schlussfolgerungen für Verkauf und Beratung in deutschen Sanitätshäusern.

Autor: Peter Carqueville

9 Min. Lesezeit · 25. September 2026
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Das Plenum zum Rehacare Report moderierte die Patienten-Aktivisten Sabrina Lorenz (r.). Ihr zur Seite stand u.a. Rollstuhlrugby-Spieler Moritz Brückner (l.). (Foto: Wälischmiller)

Am 23. September hat die Messe Düsseldorf zum Auftakt der Rehacare ihren ersten Report zur Hilfsmittelversorgung vorgestellt. Für „Selbstbestimmt leben – Status quo und Zukunft der Hilfsmittelversorgung in Deutschland“ hat das Düsseldorfer Marktforschungsunternehmen Innofact im März 1.527 Menschen befragt, die regelmäßig Hilfsmittel nutzen. Die Rehacare-Pressemitteilung spricht über Bürokratie, das „Sparsystem“ und den Drei-Prozent-Abschlag. Über Mehrkosten steht darin nichts.

Dabei sind das die Zahlen, die Sanitätshäuser am direktesten betreffen. Sie stehen in der Langfassung und ergeben ein zwiespältiges Bild: Die Kundschaft vertraut ihren Versorgern deutlich mehr als den Kassen. Geht es ums Draufzahlen, bestätigt aber nicht einmal die Hälfte, dass ihr die Mehrkosten nachvollziehbar erklärt werden.

Das Vertrauen ist da

79 Prozent der Befragten fühlen sich von ihrem Versorger ernst genommen, 62 Prozent erleben ihre Ansprechpersonen als kompetent und gut geschult. Im Kontakt mit der Krankenkasse fühlen sich nur 55 Prozent fair behandelt. Gefragt, was gute Unterstützung ausmacht, nennen 54 Prozent die Berücksichtigung ihrer Lebenssituation und 47 Prozent eine persönliche Ansprechperson. Ganz ungetrübt ist das Bild nicht: 55 Prozent sagen, sie müssten sich gegenüber Kostenträgern oder Versorgern ständig rechtfertigen. Zwischen beiden unterscheidet der Report dabei nicht.

Zwei Drittel haben draufgezahlt, nicht einmal die Hälfte fühlt sich aufgeklärt

Befund Gruppe Anteil
Schon einmal selbst draufgezahlt Alle 65 %
18–49 Jahre knapp 73 %
über 70 Jahre 52 %
Mehrkosten nachvollziehbar erklärt Alle 47 %
System als Unterstützung 60 %
System als Sparsystem 33 %
Aufzahlungsfreie Alternative gezeigt Alle 46 %
System als Unterstützung 53 %
System als Sparsystem 38 %
Rehacare Report 2026, Langfassung. Basis: 1.527 Menschen, die regelmäßig Hilfsmittel nutzen, Befragung März 2026.

65 Prozent haben schon einmal zusätzliche Kosten für ein Hilfsmittel selbst getragen. Unter den 18- bis 49-Jährigen sind es knapp 73 Prozent, bei den über 70-Jährigen 52 Prozent. Ob damit nur freiwillige Mehrkosten gemeint sind oder auch die gesetzliche Zuzahlung von fünf bis zehn Euro, lässt die Frage offen.

Nur 47 Prozent geben an, dass ihnen Mehrkosten nachvollziehbar erklärt werden. Nur 46 Prozent bekommen aufzahlungsfreie Alternativen gezeigt. Wie stark das mit dem Blick auf das ganze System zusammenhängt, zeigt die Aufteilung nach Haltung: Wer das System als Unterstützung erlebt, berichtet zu 60 Prozent von nachvollziehbaren Erklärungen und zu 53 Prozent von gezeigten Alternativen. Wer es als Sparsystem erlebt, nur zu 33 und 38 Prozent. Ob fehlende Erklärungen diesen Eindruck erzeugen oder ob Skeptiker sich schlechter erinnern, lässt sich aus einer Befragung nicht ablesen. Der Zusammenhang selbst ist deutlich.

Wo aufgezahlt wird: im Sanitätshaus

Der Report sagt nicht, bei welchem Hilfsmittel die Mehrkosten anfielen. Ein Abgleich mit dem Mehrkostenbericht drängt sich da geradezu auf. Demnach gab es 2025 bei 31,9 Millionen Hilfsmittelversorgungen rund 7,1 Millionen Fälle mit Mehrkosten, also gut jede fünfte Versorgung. Versicherte zahlten dabei im Schnitt rund 159 Euro dazu, zusammen etwa 1,13 Milliarden Euro.

Beim Geld dominieren die Hörhilfen, nicht unbedingt ein Produkt im üblichen Sanitätshaus-Schaufenster. Sie stehen für rund 62 Prozent der Mehrkostensumme, im Schnitt zahlten Versicherte dort fast 1.660 Euro. Nach der Zahl der Fälle sieht es anders aus: Hörhilfen machen knapp 6 Prozent der Mehrkostenfälle aus.

Ohne Hörhilfen lagen die Mehrkosten je Fall im Schnitt bei 64,50 Euro. Rechnet man auch die Sehhilfen heraus, die beim Optiker anfallen, bleiben rund 57 Euro. Was dann bleibt, ist größtenteils im Bereich der klassischen Sanitätshausprodukte angesiedelt. An der Spitze stehen Einlagen mit 36 Prozent, danach folgen Kompressionstherapie (15 Prozent), Inkontinenzhilfen (11 Prozent), Bandagen (9 Prozent), Orthesen und Schienen (7 Prozent) und Gehhilfen (4 Prozent). Zusammen sind das gut vier von fünf Mehrkostenfällen. Bei Einlagen wurde in 54,5 Prozent aller Versorgungen aufgezahlt, im Schnitt rund 43 Euro. Bei Kompression war es jede dritte Versorgung mit durchschnittlich rund 32 Euro. Die Beträge steigen seit Jahren, der Anteil der Versorgungen mit Aufzahlung bleibt dagegen etwa gleich.

Beide Quellen (REHACARE Report und Mehrkostenbericht) messen nicht dasselbe. Der Mehrkostenbericht zählt abgerechnete Fälle eines Jahres, der Report fragt, ob Befragte überhaupt schon einmal draufgezahlt haben. Sie bestätigen einander deshalb nicht Zahl für Zahl. Zusammen geben sie aber einen Hinweis darauf, wo die Aufzahlung, von der zwei Drittel der Befragten berichten, im Alltag stattfindet: bei kleinen Beträgen in sehr vielen Fällen, und damit vor allem im Sanitätsfachhandel und im Gesundheitshandwerk.

Heikle Ergebnisse für Sanitätshäuser im Rehacare Report 2026

Die Pflichten sind klar geregelt. Nach § 127 Abs. 5 SGB V müssen Leistungserbringer vor der Versorgung beraten. Was die Kassen aus ihren Daten nicht ablesen können: ob Mehrkosten im Einzelfall gerechtfertigt oder vermeidbar waren und in welchem Umfang sie auf einer bewussten und informierten Entscheidung der Versicherten beruhen. Deshalb wird seit längerem gefordert, dass Leistungserbringer auch die Gründe für Mehrkosten melden müssen.

Genau diese Lücke könnte die Rehacare-Befragung indirekt füllen, und zwar aus Sicht der Versicherten: Nur 47 Prozent sagen, Mehrkosten würden ihnen nachvollziehbar erklärt. Das ist Material für die Forderung der Kassen, auch wenn der Report nicht sagt, wer die Erklärung schuldig geblieben ist. Die Branche hält dagegen, dass die Mehrkosten weniger mit Beratung zu tun haben als mit den Festbeträgen. Der Herstellerverband eurocom verweist darauf, dass die Festbeträge für Einlagen und Kompressionsstrümpfe seit 2020 unverändert sind.

Was die Zahlen nicht sagen

Herausgeber des Reports ist die Messe Düsseldorf. Rund 1.000 Befragte kamen über ein Online-Panel, die übrigen über den Adressbestand der Messe. Die Stichprobe ist nach Alter und Geschlecht bevölkerungsrepräsentativ verteilt, nicht nach der Altersstruktur der Hilfsmittelnutzer. Mit „Versorger“ sind Sanitätshaus, Therapeutenpraxis und Fachhandel gemeint, eine Aufschlüsselung gibt es nicht. Der Report fragt nach „zusätzlichen Kosten“ und trennt nicht zwischen gesetzlicher Zuzahlung und Mehrkosten. Befragt wurde im März 2026, vor dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz. Auch der Mehrkostenbericht hat eine Unschärfe: Nach eigener Methodenkritik können Leistungserbringer in einzelnen Abrechnungen gesetzliche Zuzahlungen, Eigenanteile oder Zusatzleistungen als Mehrkosten ausgewiesen haben.

Was am Tresen liegt

Das Vertrauen, das der Report den Versorgern bescheinigt, geht dort verloren, wo Kunden zahlen sollen und nicht verstehen, wofür. Ähnliches gilt für das Warten: 43 Prozent haben bei einem Antrag lange Wartezeiten ohne Rückmeldung erlebt, nur 38 Prozent fühlten sich über den Bearbeitungsstand ausreichend informiert. Die Wartezeit liegt meist bei der Kasse. Die Erklärung der Mehrkosten, die dokumentierte aufzahlungsfreie Alternative und die Auskunft zum Stand liegen beim Sanitätshaus.

Weitere Befunde des Reports

Anteil der Befragten

REHACARE Report 2026

Empfinden die bürokratischen Prozesse als belastend
67 %
„Gut versorgt wird nur, wer hartnäckig bleibt und sich auskennt“
76 %
Mussten ein unpassendes Hilfsmittel nutzen, weil die Alternative nicht genehmigt wurde
54 %
Mussten Widerspruch einlegen
37 %
Längere Wartezeiten bei Reparatur oder Ersatz erlebt
72 %
Erleben das System als Sparsystem

Alle Befragten

49 %

18–29 Jahre

63 %

über 70 Jahre

27 %
Haben einen digitalen Prozess abgebrochen
54 %

Basis: 1.527 Menschen ab 18 Jahren, die regelmäßig Hilfsmittel nutzen. Online-Befragung März 2026.

Quellen

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