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Politik

Florian Vierbaum von der Geschäftsleitung des Sanitätshausbetreibers Spörer AG, über einen LinkedIn-Beitrag, der ihm selbst nicht ganz geheuer war, die Blase der Branche und den Grund, warum die Petition gegen den 3%-Abschlag jetzt an der Theke entschieden wird.

Autor: Peter Carqueville

6 Min. Lesezeit · 9. September 2026 · Ausgabe 04/26 Mit Herz und Hilfsmittel
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Florian Vierbaum · 1. Geschäftsleitung Orthopädietechnik|Orthopädieschuhtechnik|Sanitätshaus bei Spörer AG

Seit dem 30. Juli ist es amtlich: Der pauschale 3%-Abschlag auf Hilfsmittel-Vertragspreise steht im Gesetz. Ab dem 1. Januar 2027 dürfen Sanitätshäuser für zwei Jahre nur noch 97 Prozent des vereinbarten Preises abrechnen.

Die Petition „Deutschland sieht rot“ des Bundesinnungsverbands für Orthopädie-Technik läuft trotzdem weiter, bis zum 3. November. Ihr Ziel: 30.000 Unterschriften, damit die Politik das Gesetz noch einmal anfassen muss. Gut 3.400 fehlen noch.

Als die Kurve bei 19.000 abflachte, riss Florian Vierbaum der Geduldsfaden. Der Chef der Orthopädietechnik bei der Spörer AG schrieb einen LinkedIn-Beitrag, der deutlich schärfer ausfiel als alles, was er vorher veröffentlicht hatte. Wir haben nachgefragt.

Herr Vierbaum, was hat Sie dazu bewegt, Ihren Beitrag zu veröffentlichen?

Florian Vierbaum: Ich hatte ein paar Wochen nach dem Start mal nachgeschaut, wie viele Menschen schon unterschrieben haben, und ich war erschrocken. Da waren es rund 15.000. Ich hatte das Gefühl, dass in der Branche total viele total umtriebig sind, und ganz blauäugig gedacht: Die 30.000 Unterschriften, das ist überhaupt kein Thema. Dann läuft die Kampagne drei Wochen, und erst 15.000 haben unterschrieben. Ich habe es ehrlich gesagt erst einmal vergessen, ich war viel unterwegs. Am Donnerstag habe ich wieder nachgeschaut: 19.000. Da kam ein komisches Gefühl in mir hoch. Ich habe eine Nacht darüber geschlafen, und am Freitagmorgen hat es mich gepackt: Das kann ich nicht so lassen. Ein einfacher neuer Aufruf reicht nicht, ich muss etwas Provokantes schreiben. Zugegeben, ich war unsicher, ob das so richtig ist und ob die Art und Weise passt, wie ich es formuliere. Aber es war ein Gefühl, das hochgekommen ist, und dem habe ich freien Lauf gelassen. Dann habe ich es veröffentlicht.

Was hat Sie in den vergangenen Wochen besonders beschäftigt?

Florian Vierbaum: Das Thema begleitet einen ständig und an vielen Stellen. Ich habe mit unserem Bundestagsabgeordneten gesprochen und versucht, Aufklärungsarbeit zu leisten. Ich habe im Mitarbeiterkreis darüber gesprochen, um dafür zu sensibilisieren. Und natürlich mit vielen Kollegen, egal wo man war: Überall ging es um dieses Thema. Dazu kommt die Frage, die einen am meisten beschäftigt: Was müssen wir jetzt an Maßnahmen einleiten, damit wir 2027 gut gewappnet sind, neben all den anderen Herausforderungen wie steigenden Kosten und dem steigenden Mindestlohn.

Sie schreiben, dass sich mehr Menschen öffentlich einbringen sollten. Welche Erfahrungen machen Sie selbst, seit Sie sich stärker äußern, und wie fallen die Reaktionen aus?

Florian Vierbaum: Nur gute. Ich habe noch nie für irgendetwas einen draufbekommen oder Zorn erweckt. Auch bei diesem provokanten, durchaus selbstkritischen und andere kritisierenden Beitrag: nur Zustimmung. Persönliche Nachrichten, Kommentare, deutlich mehr Interaktion als bei vergangenen Beiträgen, viel schneller eine größere Reichweite, auch außerhalb meines Netzwerks. Und ich bin mit Leuten in Kontakt gekommen, zu denen ich vorher keinen Kontakt hatte, über einen Kommentar, eine Antwort darauf, einen Austausch.

Hat Sie an den Reaktionen etwas überrascht?

Florian Vierbaum: Beim Nachdenken darüber ist mir ein Punkt aufgefallen: Ich erreiche damit wieder nur die Leute, die sowieso schon umtriebig sind und sich öffentlich äußern. Man bewegt sich auf LinkedIn in einer Blase. Ich habe dazu eine persönliche Nachricht von einer Führungskraft aus einem anderen Unternehmen bekommen. Er hatte das Thema im eigenen Haus angesprochen und festgestellt: Total viele Mitarbeiter wissen überhaupt nicht, was gerade in der Politik passiert, und schon gar nicht, was in der Gesundheitspolitik passiert, also bei dem, was uns direkt betrifft. Ein Beitrag auf LinkedIn ist eben nur die eine Sache. Wir müssen viel mehr nach innen ins Unternehmen arbeiten, mit den Mitarbeitern in den Dialog gehen, erklären, was dort passiert und warum es so wichtig ist, an so etwas wie der Petition teilzunehmen. Ich habe denselben Inhalt auch in meinen WhatsApp-Status gestellt und damit Leute erreicht, die nicht auf LinkedIn unterwegs sind. Da ist mir bewusst geworden: Die große Menge der Menschen erreichen wir nicht über LinkedIn.

Was würden Sie anderen Menschen aus Sanitätshäusern raten, die ebenfalls häufiger öffentlich Stellung beziehen möchten, sich bisher aber nicht trauen?

Florian Vierbaum: Traut euch! Traut euch und macht euch nicht zu viele Gedanken. Natürlich: Überlegt, was ihr tut. Einmal. Aber dann macht einfach. Man macht sich im Vorfeld viel zu viele Gedanken, wie das wirken könnte, was der andere darüber denken könnte. Das sage ich wahrscheinlich so lange, bis ich das erste Mal ordentlich Gegenwind bekomme. Aber ich fände es gut, wenn sich mehr Leute positionieren würden, ob auf LinkedIn oder im Dialog mit den eigenen Kolleginnen oder Mitarbeitern. Sprecht darüber. Das ist das Allerwichtigste.

Welche Lehre sollte die Branche aus der Kampagne „Deutschland sieht rot“ ziehen, unabhängig von ihrem politischen Ausgang?

Florian Vierbaum: Die Wahrscheinlichkeit ist relativ groß, dass wir das am Ende nicht verhindert oder abgeschwächt bekommen. Aber selbst dann haben wir einen Fortschritt gemacht. In der Vergangenheit konnten wir uns als Branche nicht einmal auf eine Richtung einigen. Oder es hieß: Das ist doch alles nicht so schlimm, reg dich mal nicht auf. Jetzt sind wir uns über die grobe Richtung einig, und es engagieren sich viele Leute. Es gibt eine größere Solidarität in der Branche, das nicht mit sich machen zu lassen. Sie ist noch nicht groß genug, wir mobilisieren noch nicht genügend Leute. Aber andere Beispiele zeigen, was geht: etwa als die bayerischen Innungsbetriebe gemeinsam ihren Kassenvertrag gekündigt haben.

Wenn man sich committet und das gemeinschaftlich durchzieht, zeigt sich: Wir haben eine gewisse Macht, wir können etwas bewirken. Es schleifen sich Mechanismen ein, es entstehen Kontakte, die wir in Zukunft wieder nutzen können. Wir sollten uns die positiven Dinge herausnehmen, wo wir zusammen etwas bewirkt haben, und darauf aufbauen.

„Traut euch!“

Ihre Theke zählt

Die Petition „Alarmstufe Rot: Individuelle Hilfsmittelversorgung sichern – 3%-Pauschalabschlag streichen!“ des BIV-OT läuft noch bis zum 3. November 2026. Stand Redaktionsschluss fehlten noch rund 3.400 Unterschriften bis zum Ziel von 30.000.

Und jetzt kommen Sie ins Spiel: 27 Prozent der Unterschriften kommen über Papierlisten, also über Theke, Empfang und Wartebereich, nicht über soziale Medien. Wer täglich mit Kundinnen und Kunden spricht, erreicht genau die Menschen, die LinkedIn nie erreicht.

Drei Dinge, die sofort gehen: eine Unterschriftenliste an der Theke auslegen, den QR-Code zur Petition an der Kasse aufhängen, das Thema im Beratungsgespräch erwähnen. Viele Betroffene wissen gar nicht, dass es die Petition gibt. Plakate, Postkarten und Aufkleber stellt der BIV-OT unter dem Stichwort „Deutschland sieht rot“ kostenlos bereit.

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