In der Apotheke läuft das E-Rezept inzwischen fast schon unanständig elegant: Die Praxis schickt digital, die Apotheke liest ein, die Patientin oder der Patient hält eGK, App oder notfalls einen Ausdruck hin – und wenige Minuten später ist das Arzneimittel da. Seit dem 1. Januar 2024 ist das bei verschreibungspflichtigen Medikamenten Standard. Im Hilfsmittelbereich dagegen pflegt man noch den historischen Dreiklang aus Fax, Fragezeichen und Fristverschiebung. Die gematik erklärt, was künftig alles möglich wird, die Softwarehäuser planen, und im Ministerium plant man vermutlich schon die nächste Planung. Kurz: Die Apotheke fährt E-Rezept-ICE, das Sanitätshaus steht noch am Bahnsteig der eVerordnung – mit gültigem Warteticket, aber ohne Abfahrtszeit.
Natürlich ist das zugespitzt. Denn das Problem liegt nicht bei den Sanitätshäusern, sondern in einem System, das digitale Zukunft gern ankündigt, aber im Hilfsmittelbereich noch immer keine stabile, flächendeckend produktive eVerordnung vorweisen kann. Genau hier setzt unser Titelthema an. Auf den folgenden Seiten erklärt Branchenexperte Simon W. Geib, warum das E-Rezept für Hilfsmittel weniger Technikspielerei als ein Härtetest für Prozesse, Software und Zusammenarbeit ist. Drei Infoboxen ordnen den Stand bei Fristen, KIM, TI-Messenger und TI-Anbindung ein. Danach zeigen wir auf einer Doppelseite, was die Sanitätshäuser schon heute vorbereiten können, ohne auf den nächsten großen Starttermin zu warten. Und zum Schluss übersetzt ein Glossar die wichtigsten Begriffe der TI-Welt in verständliche Alltagssprache für den Filialalltag.
Das E-Rezept für Hilfsmittel gilt als nächster großer Digitalisierungsschritt im Gesundheitswesen. Simon W. Geib, Geschäftsführer der Ank-Kaiser Sanitätshaus GmbH, blickt darauf jedoch weniger als Technikprojekt denn als Belastungstest für Prozesse, Software und Zusammenarbeit in der Branche. Im Interview erklärt er, warum die Apotheken für viele Kundinnen und Kunden längst die Messlatte setzen, weshalb ein schlechter Prozess digital nicht automatisch besser wird – und was die Sanitätshäusunternehmen schon heute tun sollten, um für morgen gerüstet zu sein.
Herr Geib, ist das E-Rezept für Hilfsmittel für Sie eher ein zukunftsweisendes Digitalprojekt – oder ein Härtetest für das Zusammenspiel aller Akteure?
Simon W. Geib: Ich sehe darin vor allem den Härtetest. Der Hilfsmittelmarkt ist historisch gewachsen und stark fragmentiert. Viele Akteure, die bislang vor allem über Fax, Telefon oder Papier zusammenarbeiten, müssen nun digital miteinander vernetzt werden. Entscheidend ist dabei, ob dieses Netzwerk am Ende tatsächlich Mehrwert für die Kundinnen und Kunden schafft. Genau dieser Fokus ist aus meiner Sicht in den vergangenen Jahren oft verloren gegangen: Vieles wurde dem Prozess zuliebe getan, nicht dem Ergebnis zuliebe.